Ingvild H. Rishøi: Winternovellen

Siehst du diese Tätowierung, das ist der Name deines Vaters, wenn ich es mir leisten könnte, wäre das jetzt ein Vogel, ich habe diesen Vogel gezeichnet, auf Butterbrotpapier, als ich eines Abends am Küchentisch saß. Der Vogel war schön, er breitete gerade die Schwingen aus, und ich hatte das Gefühl, als würde er jeden Moment abheben.

Novellen über das, was uns trägt, wenn die Träume von großer Liebe und Familie verflogen sind: die Unschuld der Kinder und die Wärme menschlichen Mitgefühls.

(Offizieller Klappentext)

Buchkritik

Es sind drei Novellen, die allesamt Menschen in inneren Nöten zeigen. Und es sind Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, sondern eher am Rande der Gesellschaft zu verorten sind.

Gleich die erste Geschichte hat mich sehr angerührt – obwohl ich an und für sich kein auffällig rührseliger Charakter bin. Doch wer ist gegen die moralische Integrität eines Kindes gefeit? – Eine junge Mutter ist mit ihrer kleinen Tochter unterwegs durch den Schnee, weil sie das Geld für den Bus sparen möchte. Aber die Kleine macht sich in die Hose, was den Weg durch die Kälte unverantwortlich werden lässt. Also entscheidet sich die Mutter doch für den Bus.

Ich sage nichts dazu, dass sie sich in die Hose gemacht hat, aber ich weiß, dass sie zu Hause sofort ins Bad verschwindet, die Tür zuschließt, und nach ein paar Tagen finde ich dann ihre Unterhose, zusammengeknüllt, ganz unten im Wäschekorb. So ist sie, so läuft das, so ist sie.

Aber ich halte es nicht aus, sie so watscheln zu sehen.

„Wir nehmen den Bus“, sage ich.

Sie blickt auf.

„Ja“, sagt sie. „Das ist vielleicht besser.“

Es ist eine Geschichte, die eine überforderte Mutter zeigt, die trotz ihrer Probleme versucht, ihrer Verantwortung gegenüber dem eigenen Kind gerecht zu werden, doch immer wieder an sich selbst und den Umständen scheitert. Und die kleine, fünfjährige Tochter ihrerseits hat längst, intuitiv wie Kinder sind, die Hilfsbedürftigkeit ihrer Mutter erkannt und verhält sich oft viel zu reflektiert, immer bemüht, der Mutter so wenig zur Last zu fallen wie möglich. Und doch vertritt dieses Kind seinen eigenen Standpunkt und eine Weltsicht, in der es sich verbietet, schwarz zu fahren oder an bettelnden Menschen einfach vorüberzugehen oder Unterhosen zu klauen. Diese Unumstößlichkeit und Untrügbarkeit des moralischen Urteils stellen die junge Mutter vor eine schier unlösbare Aufgabe in Hinblick auf ihre Vorbildfunktion und ihre finanziellen Möglichkeiten. Als sie sich schließlich doch dazu hinreißen lässt, einem Bettler Geld zu geben, kann sie sich die nötige neue Unterhose für ihre Tochter nicht mehr leisten. Wie sehr sie sich auch bemüht, etwas zu finden: die Unterhosen sind alle zu teuer. Doch wie soll man das einer Fünfjährigen, die in der Anprobe wartet, erklären? Der Aufenthalt in einem Kaufhaus wird so zu einer Situation existentieller Bedrängnis. Man kann beinahe mitfühlen, wie alles über die junge Frau hereinbricht. Doch unverhofft, nachdem die überforderte Mutter ihrem Kind gebeichtet hat, werden die beiden aus ihrer misslichen Lage befreit.

Schon lange habe ich nicht mehr eine derart anrührende Geschichte gelesen. Insbesondere, weil sie so eindrücklich das Wunder, das Kind heißt, vor Augen führt.

Ich sehe sie an. Ja, sie ist es. Schon bei ihrer Geburt war sie das, ein Mädchen mit Fingerabdruck, Haarwirbel im Nacken und Ohrenschmalz. Damals war ich so jung, und ich starrte sie an, ich starre sie immer noch an, sie war voller Dinge, an die ich nie gedacht hatte, Schlaf in den Augenwinkeln und kleine, eigenartige Fingernägel mit Rillen, und immer noch ist sie voll von allem Möglichen.

Gedanken, die ich nie hätte haben können.

 

Fazit

Alleine wegen der ersten Novelle würden sich der Kauf und die Lektüre dieses wunderbaren Buches lohnen. Aber auch die zwei anderen Geschichten bewegen sich erzählerisch auf einem ähnlichen Niveau. Es sind unterschiedliche Erzählungen, doch alle handeln von menschlichen Ausnahmezuständen, von Menschen, die es nicht einfach haben und mit inneren und äußeren Umständen ringen. Doch welcher Mensch hat es schon einfach? Es ist nicht leicht, ein Mensch zu sein. Und wir tun alle, was wir können. Aber manchmal reicht das eben nicht, und wir brauchen Hilfe. Gut, wenn sie dann von irgendwoher kommt.

„Winternovellen“ ist ein wunderbar warmherziges Buch, noch dazu sehr schön gestaltet. Wer noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk ist, findet hier hervorragende Literatur, die nicht jeder kennt, und unterstützt noch dazu einen sympathischen Independent-Verlag.


Das Buch

Ingvild H. Rishøi: Winternovellen. Aus dem Norwegischen von Daniela Syczek. Hardcover. Open House Verlag, Leipzig 2016; 192 Seiten, 19,50 Euro.


Die Autorin

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