Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench. Roman

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Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes TrenchDie Bewohner der kleinen Bayou-Stadt Jeanette ringen noch immer mit dem Überleben. Erst Hurrikan Katrina, dann das Unglück der Bohrplattform Deepwater Horizon. Und jeder Bewohner kämpft auf seine Art. Der Fischer Lindqvist jagt einem Kindertraum hinterher, einem Goldschatz. Die Brüder Toup nehmen eine Abkürzung zum Reichtum und bauen das beste Marihuana des Südens an, während Brady Grimes alle und jeden im Namen der Ölgesellschaft über den Tisch zieht. Und mittendrin Wes Trench, der seine Mutter an den Sturm und seinen Vater an die unermessliche Trauer verloren hat. Ein großer Roman, der packend und mit viel Liebe zu seinen störrischen, gebeutelten Figuren von Verlust erzählt und davon, was es heißt, allen Widrigkeiten zum Trotz immer weiterzumachen.

(Offizieller Verlagstext/Klappentext)

Buchkritik

Das ohnehin schon harte Leben der Menschen an der Golfküste hat sich durch das Unglück der Ölplattform Deepwater Horizon noch einmal radikal verschlechtert. Fünf Jahre zuvor hatte bereits der Hurrikane Katrina der Region übel mitgespielt. Das ist der Hintergrund, vor dem Das zerstörte Leben des Wes Trench von Tom Cooper spielt. Die Geschichte fokussiert sich auf die Barataria Bay, einem Sumpf-Labyrinth aus Inseln und Wasserwegen, sowie die Gemeinde Jeanette, südlich von New Orleans.

Das Personal des Romans zeichnet sich durch skurrile Verschrobenheit aus. Der deutsche Titel des Buches ist etwas irreführend, da es sich bei Wes Trench zwar um einen zentralen Protagonisten des Romans handelt, aber eben nicht um den einzigen. Ob es sich um den bedeutendsten handelt, was die Titelgebung rechtfertigen könnte, darüber ließe sich streiten. Im englischen Original heißt das Buch jedenfalls treffender „The Marauders“. Und Plünderer sind die meisten Figuren des Buches durchaus. Ob sie die Sumpfgewässer plündern wollen, indem sie aus ihnen die Shrimps ziehen, oder ob sie die versteckt angebauten Hanf-Plantagen anderer plündern möchten oder ob sie, stellvertretend für einen großen Ölkonzern, die Menschen dieser Gegend um ihre Schadensersatzansprüche prellen.

Wes Trench

Wie gesagt, im Roman gibt es einige, in etwa gleichgewichtete Protagonisten, denen dann konsequenterweise auch eigene Kapitel bzw. Episoden gewidmet sind. Da ist eben die Titelfigur Wes Trench, der jüngste der Charaktere, der eigentlich die Chance hätte, dem unausweichlich scheinenden Niedergang der Region zu entgehen, indem er einen anderen Weg einschlüge, um zum Beispiel ans College zu gehen. Genügend Grips dazu hätte er. Stattdessen aber schwebt ihm eine Zukunft als Shrimpfischer vor. Er möchte sich ein eigenes Boot bauen und in die Sümpfe fahren, die über Generationen hinweg bestehende Tradition fortführen. Allerdings hat er in Hinblick auf das Marketing durchaus zukunftsweisende oder doch zumindest moderne Ideen entwickelt, mit denen sich die Shrimps sehr viel effektiver vertreiben ließen. Jedoch: wo keine Shrimps sind, können auch keine verkauft werden – egal, auf welche Weise. Unter dem Rückgang der Erträge leiden alle Krabbenfänger der Barataria  Bay, auch Wes´ Vater.

Vater und Sohn

Der ist im Laufe der Jahre immer schweigsamer geworden, redet kaum noch mit Wes. Insbesondere seit dem Tod von Wes´ Mutter durch den Hurrikane Katrina ist er als Mensch kaum noch für seinen Sohn erreichbar. Wes hat ohnehin ein gestörtes Verhältnis zu ihm, da er seinen Vater unterschwellig verantwortlich macht für den Verlust der Mutter. Dass Wes´ Vater selbst beinahe an Traurigkeit eingeht – davon erhält man als Leser zumindest eine Ahnung. Auf dem Kutter sind Vater und Sohn ein eingespieltes Team, wenngleich die unausgesprochenen Probleme zu ständigen Spannungen zwischen ihnen führen. Als Wes ein fahrlässiger Fehler beim Fang unterläuft, kommt es zum Eklat zwischen ihnen. Wes schmeißt hin, kündigt seinen Job und heuert schließlich bei einem anderen Shrimpfänger an.

Lindquist

Der Krabbenfischer Lindquist, auf dessen Boot Wes dann landet, ist sicher einer der skurrillsten Charaktere des Buches. Aus einem PET-Bonbon-Spender schmeißt er sich im Stundentakt zurecht geschnitzte Schmerztabletten ein, gegen die schmerzenden Knochen vom jahrzehntelang währenden Krabbenfang, möglicherweise gegen Phantomschmerzen seines nicht mehr vorhandenen Armes, vielleicht auch gegen alles. Seit einem Unfall beim Krabbenfang ist der Arm nicht mehr da. Genaueres kann man im Buch erfahren. Für die horrende Summe von 30.000 Dollar hatte sich Lindquist daraufhin eine Spezialprothese anfertigen lassen, welche ihm aber im Verlauf des Buches ebenfalls abhandenkommt. Aber selbst davon lässt sich der halsstarrige Fischer nicht von seinem eigentlichen Ziel abbringen. Denn schon lange gilt sein vordringliches Interesse nicht mehr dem Krabbenfang. Der verkommt mehr und mehr zur Nebenbeschäftigung. Ausgerüstet mit einem Metalldetektor macht sich Lindquist ein ums andere Mal auf den kleinen Sumpfinseln auf die Suche nach einem sagenumwobenen Goldschatz des legendären Seeräubers Jean Lafitte. Dabei kommt er einem anderen Schatz bedrohlich nahe, der von seinen Besitzern mit allen Mitteln gehütet wird.

Die Brüder Toup

Diese Zwillinge sind die gefährlichsten Figuren des Romans. Sie schrecken vor nichts zurück, haben keinerlei Skrupel, auch Mord ist für sie gar kein Problem. Sie kommen als Double Impact daher, und wer sich ihrer auf einer Insel in der Barataria versteckten Marihuana-Plantage zu sehr nähert, verschwindet in den Sümpfen. Sie stehlen Lindquists Prothese zur Warnung, als dieser während seiner  Schatzsuche ihre Einnahmequelle zu entdecken droht. Was diesen freilich nicht davon abhält, weiterzusuchen – weiß er doch auch gar nicht, was es mit dem Diebstahl seiner Prothese auf sich hat. Als die verschwundene Prothese nicht zum gewünschten Ergebnis führt, sehen sich die Brüder genötigt, noch einen Schritt weiter zu gehen. Ein Alligator kommt ins Spiel. Das sind krasse Typen, und sie erinnern ein wenig an die Gangster der härteren Sorte aus Filmen wie die der Coen-Brüder oder vielleicht auch von Tarantino. Bei den Toups wird im Buch aber auch kurz etwas über deren Kindheit verraten; und abermals bekommt man als Leser eine Ahnung davon, dass sie es sich nicht ausgesucht haben, so zu werden.

Hanson und Cosgrove

Den Toup-Brüdern gegenüber steht sozusagen ihr harmloseres Pendant, nämlich das Kleinganoven-Gespann Hanson und Cosgrove. Diese sind es schließlich, die durch Zufall die gutbehütete Marihuana-Plantage entdecken, das Zeug plündern und damit das schnelle und möglichst große Geld machen wollen. Aber wie man aus solchen oben genannten Filmen weiß, ist es meistens keine gute Idee, wenn die kleinen Fische den großen Fischen im Teich dumm kommen wollen.

Brady Grimes

Doch selbst die hartgesottenen Toups sind letztlich bedauernswerte Individuen, die – als Opfer ihrer Bedingtheiten – um ihr Überleben kämpfen. Der eigentliche, wirkliche Ganove im Buch und großer Plünderer – zumindest meiner Lesart nach – ist ein anderer. Es ist nicht Brady Grimes, wie die Abschnittsüberschrift womöglich nahelegen könnte. Auch der ist als Individuum ein Opfer der eigenen Umstände und Abhängigkeiten. Nein, der eigentliche Big Bad Player des Buches ist British Petroleum, für die Brady Grimes, arbeitet. Sein Job ist es, den Leidtragenden des Deep-Water-Horizon-Unglücks einen vergleichsweise lächerlich niedrigen Ausgleich anzubieten, um auf diese Weise den Konzern vor höheren Regressforderungen zu bewahren. Er scheint den Verantwortlichen von BP der richtige Mann für diesen Job zu sein, da er selbst ursprünglich aus dieser Gegend stammt und hier aufgewachsen ist. Seine Mutter lebt immer noch hier. Er weiß, wie mit diesen Leuten im Sumpf zu reden ist. Das eigentliche Ausmaß der Immoralität und der Gleichgültigkeit gegenüber individueller menschlicher Schicksale seitens des Öl-Multis wird deutlich darin, dass es für den Vorgesetzten von Grimes eine Selbstverständlichkeit ist, dass Grimes auch seine eigene Mutter über den Tisch ziehen soll. Und diese Indifferenz gegenüber den Menschen wird später noch einmal auf die Spitze getrieben.

Fazit

Was wir hier haben, ist ein wirklich gelungener Debüt-Roman von Tom Cooper, der die eigenwilligen und halsstarrigen Charaktere in ihrem Leben zwischen Resignation, Abgestumpftheit und Hoffnungsschimmer in einer beinahe surreal scheinenden Gegend vor dem geistigen Auge der Leserinnen und Leser plastisch werden lässt. Der halbirre Lindquist ist der Don Quixote der Sümpfe, und da passt es nur zu gut, dass die Barataria-Bay nach dem fiktiven Königreich des Sancho Pansa in eben jenem Werk von Cervantes benannt ist. Das Ganze erinnert an eine Mischung aus Coen-Film und eine Prise Huckleberry-Finn-Atmosphäre, nur weniger romantisch. Außerdem hatte ich während des Lesens des Öfteren jenes passende Lied von Billy Joel im Ohr, „Downeaster Alexa“, und dessen treffende Zeilen:

I was a Bayman like my father was before
Can’t make a living as a Bayman anymore
There ain’t much future for a man who works the sea
But there ain’t no islands left for Islanders like me

Ein schöner Song, den ich schon oft und gerne (und auch sehr, sehr gut) unter der Dusche gesungen habe. Wenn das Buch einmal verfilmt wird, wozu es sich nachgerade anbietet, sollte man diesen Song für den Soundtrack berücksichtigen. Apropos Film: Ich glaube, es ist kein Zufall, dass auf Seite 103 des Buches ein Magnolia Café erwähnt wird. Ich meinerseits erwähnte schon des Öfteren in verschiedenen Beiträgen, dass Magnolia einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist. Das Episodenhafte und die Verknüpfung der einzelnen Handlungsstränge der unterschiedlichen Figuren miteinander hat das Buch von Tom Cooper mit dem herausragenden Film von Paul Thomas Anderson gemein.

Neige ich auch sonst eher dazu, Unzutreffendes der offiziellen Verlagstexte (siehe oben) und die damit verbundene platte Effekthascherei offenzulegen, würde ich hier dem letzten Satz des Verlagstextes beinahe vollständig beipflichten; lediglich würde ich das Wörtchen „großer“ durch das etwas relativierende Wort „guter“ ersetzen wollen. Denn es ist gute Literatur. Wirklich große Literatur sieht für mich aber noch einmal anders aus und kommt sehr, sehr selten vor. Von daher sollte man nicht allzu inflationär mit solchen Zuschreibungen umgehen. Und natürlich, die Formulierung „mit dem Überleben ringen“ ist etwas verunglückt. Der Lektor in mir würde sagen, es sollte „um das Überleben ringen“ heißen. Es sei denn, es ist tatsächlich so gemeint, dass die Tatsache des Überlebthabens das Problem darstellt, mit dem nun zu ringen ist. Aber das ist bei einer plakativen Textsorte wie dem Klappentext wohl nicht zu vermuten, dass hier vom Leser erwartet wird, sich solche möglichen Bedeutungsebenen des Gesagten durch Nachdenken zu erschließen. Doch was soll´s. Verlagsmenschen sind eben auch nur Menschen und machen Fehler. Aber dafür kann ja auch Tom Cooper nichts. Jedenfalls:  Es ist ein absolut und uneingeschränkt empfehlenswertes Buch.


Das Buch

Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Peter Torberg. (Original: The Marauders)

384 Seiten, 22,00 €, ISBN-13 9783550080968


Der Autor

Mehr von und zu Tom Cooper erfährt in einem Interview mit ihm auf Resonanzboden.com

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