Philip Krömer: Ymir, oder Aus der Hirnschale der Himmel. Roman

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Drei Männer begeben sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs auf eine Expedition nach Island. Ihr Auftrag ist es, ein scheinbar bodenloses Loch zu untersuchen, dessen Geheimnisse den im Ausbruch begriffenen Krieg entscheiden könnten. Doch niemand hat sie auf das vorbereitet, was sie tief im Inneren der Erde erwartet…

Ein Roman über Geschichte und die Möglichkeiten ihrer Vermittlung, über Weltentwürfe und deren Zerbrechlichkeit, und nicht zuletzt über die Macht des Wortes.

(Offizieller Verlagstext)


Buchkritik

Dieses Buch war auf der Shortlist des Bloggerpreises „Das Debüt 2016“, bei dem ich einer der Juroren sein durfte. In gewisser Weise hat es mir von den insgesamt fünf Titeln der Shortlist am besten gefallen, aber es gab Gründe, warum ich mich letztlich doch für „Weißes Rauschen“ von Uli Wittstock ausgesprochen habe. Doch Ymir hat durchaus seinen Reiz. Sehen Sie.

Die Handlung

In der isländischen Mythologie der Edda des Snorri Sturluson ist Ymir der Ur-Riese, aus dessen Bestandteilen die Erde und der Himmel entstehen. In Philipp Krömers Debütroman macht sich im Jahr 1939 eine dreiköpfige Nazi-Expedition auf den Weg nach Island, um dort in hochgeheimer Mission ein schier endlos anmutendes Loch in der Erde auszukundschaften. Vielleicht in Hinblick auf eine mögliche Notunterkunft für die Nazi-Elite im Falle einer nicht zu erwartenden Niederlage, vielleicht in Hinblick auf Sonstiges. Dieses unterirdische Höhlensystem zeigt sich in seiner Beschaffenheit als Analogie zum Inneren des besagten Riesen Ymir: Mundhöhle, Speiseröhre, Magen, Darm, Anus. Das ist es.

Nein, natürlich noch nicht so ganz. Es gibt einen Todesfall (Mord?), einen (homo-)sexuellen Übergriff, der vom vermeintlichen Opfer aber offenbar doch mehr oder weniger stillschweigend goutiert wird, die Entdeckung einer Population von mutmaßlichen zotteligen und blinden Ur-Ariern sowie deren baldigen Genozid durch eine Überdosis „Tristan und Isolde“ aus einem viel zu lauten Koffer-Grammophon. Das war es aber so ziemlich. Vielmehr passiert tatsächlich nicht in diesem etwa 200 Seiten starken Buch. Gut, es gibt noch einen Flugzeugabsturz bzw. eine Notlandung im Vorfeld der Höhlenexpedition, doch dieses Ereignis zeitigt keine nachhaltigen Auswirkungen.

Die Sprache

Die Geschichte an und für sich ist ganz nett, aber keine große Sache, wenn auch recht originell in der Idee. Was mich für Krömers Debüt vor allem einnehmen konnte, ist seine Sprache. Er hat seinen eigenen Stil, seine ganz eigene Erzählstimme, die vor allem die Originalität dieses Buches ausmacht. Ein ironisch-distanzierter Erzähler, der zu assoziativen Abschweifungen neigt, den Leser, den er mitunter direkt anspricht, gerne einmal im Ungewissen lässt über den Wahrheitsgehalt des von ihm Gesagten. Des Autors Ton wirkt dabei absichtsvoll antiquiert, zugleich aber jovial, eine interessante Mischung. Augenfälligstes Sprachmittel ist das der Parenthese, der abgebrochenen Rede, der Aussagesätze, die an ihrem Ende überraschend in Fragen abgewandelt werden. Das Lesen von Krömers wohlüberlegten und präzise gesetzten Worten hat mir über große Strecken Spaß gemacht.

Die Gestaltung

Was natürlich in meiner Rezension nicht fehlen darf, sind ein paar Worte zur Gestaltung des Buches, das im von Krömer selbst mit gegründeten Homunculus Verlag erschienen ist. Das Buch ist dekoriert mit anatomischen Illustrationen aus Friedrich Eduard Bilz´ Das neue Naturheilverfahren. Lehr- und Nachschlagebuch der naturgemäßen Lebens- und Heilweise sowie neuzeitlichen Gesundheitsführung von 1938, konsequenterweise damals ebenfalls im Selbstverlag in Dresden erschienen. Die Illustrationen zu Beginn jedes Kapitels markieren mithilfe einer zeigenden Hand (erinnert mich an Monty Python) den jeweiligen Aufenthaltsort der Expedition in Ymirs Innerem. Neben diesen sehr passenden Ausschmückungen, denen zudem jeweils ein zur semantischen Symbiose angetanes Zitat beigegeben ist, ist auch der übrige Text durchsetzt von Zeichnungen aus dem besagten Naturheilkundebuch. Diese allerdings haben meinem Empfinden nach oftmals keinen oder bestenfalls nur sehr frei assoziativen Bezug zur Geschichte. Es hat ein wenig den Anschein, dass die Verleger diese Illustrationen insgesamt zu interessant fanden, um sie nicht im Buch zu verwenden. Aber ob alle Illustrationen nun hätten sein müssen oder nicht: es ist ein sehr sorgsam und ansprechend aufbereitetes Buch, bei dem sich der Verlag wirklich Gedanken gemacht und Mühe gegeben hat, etwas Besonderes und Eigenständiges zu produzieren. Ich weiß, wie viel Arbeit das ist. Und es ist gut geworden. Schön, wenn Leute Wert auf Ästhetik legen.

Mankos

Aber nun wollen wir auch die Schwächen dieses kleinen, feinen Debüts nicht verschweigen. Denn, man kennt es mittlerweile von mir, ich finde nur ganz selten etwas uneingeschränkt toll. Man hat es andeutungsweise schon erahnen können: Die Handlung ist für meinen Geschmack etwas arg überschaubar. Was ich dramaturgisch ebenfalls fragwürdig finde, ist die von vornherein offengelegte Analogie zur Anatomie Ymirs. Ich frage mich, ob es nicht sehr viel wirkungsvoller gewesen wäre, den Leserinnen und Lesern anfänglich und im weiteren Verlauf bestenfalls Verdachtsmomente und einzelne Anhaltspunkte zu liefern, anhand derer allmählich eine Ahnung entstanden wäre, dass es sich hier nicht um eine – geologisch betrachtet – gewöhnliche Höhle handelt. Dadurch, dass beinahe von Beginn an alles offengelegt ist, kann man zwar die einzelnen Stationen der Abenteuerreise ins Innere der Erde bzw. des Riesen gut nachvollziehen, aber besonders viel Spannung oder gar Überraschung kommt durch die zu erwartenden Gegebenheiten nicht auf.

Fazit

Ich möchte mich gar nicht weiter damit befassen, ob der Roman bzw. die Novelle oder Erzählung das leistet, was im Verlagstext behauptet wird: dass etwas über „Geschichte und die Möglichkeiten ihrer Vermittlung, über Weltentwürfe und deren Zerbrechlichkeit, und nicht zuletzt über die Macht des Wortes“ in diesem Buch gesagt wird. Letztlich ist ein Verlagstext ein Verlagstext, und bis zu einem gewissen Grad ist es in Ordnung, wenn hier etwas Großes in Aussicht gestellt wird. Insbesondere einem sympathischen Kleinverlag, der sich Mühe gibt, schöne Bücher zu machen, kann ich leichtes Bramarbasieren nachsehen. Klappern gehört zum Geschäft.

Was ich gelesen habe, ist eine recht originelle und unterhaltsame Geschichte, gekonnt vorgetragen in einem eigenständigen und mir sehr gefälligem Stil. Es ist kein Meisterwerk, aber ein gelungenes Gesellenstück allemal, von einem Autor, bei dem ich mir gut vorstellen kann, in Zukunft noch Besseres, vielleicht auch Größeres von ihm zu lesen. Denn ziemlich gut schreiben, das kann er, der noch ziemlich junge Philipp Krömer.


Das Buch:

Philip Krömer: Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel. Roman. Erlangen 2016 (Homunculus Verlag).

216 Seiten, 19,90 €, ISBN 978-3-946120-18-6


Der Autor:

Mehr von und zu Philip Krömer findet man auf seinem Autorenblog


 

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