Ronja von Rönne: Wir kommen. Roman

Roenne_Wirkommen_05.indd„Ronja von Rönne wischt das Blau vom Himmel.“ Georg Diez, Der Spiegel

„Maja ist nicht tot. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.“

Wenn jemand stirbt, zieht man sich schwarze Kleider an und geht zur Beerdigung. Oder man flieht gemeinsam mit seinen drei Beziehungspartnern und einer Schildkröte ans Meer. Nora entscheidet sich für Letzteres. Als ob Polyamorie helfen würde. Als ob Flucht helfen würde. Als ob man den Dämonen der Vergangenheit so einfach entkommt.

„Schnoddrig, überlegen, witzig, respektlos – endlich eine neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur!“ Joachim Lottmann

In Noras Heimatdorf gehört es sich, den Nachbarn zu grüßen, den Rasen zu mähen und am Ende des Lebens zu sterben. Dass sich plötzlich ausgerechnet Maja, Noras beste Freundin aus Kindheitstagen, an diese althergebrachten Regeln hält und einfach stirbt, kann Nora nicht glauben. Für eine Beerdigung hat Nora ohnehin keine Zeit: Nachts wecken sie Panikattacken, sie muss sich um eine Schildkröte kümmern und ihre einst so progressive Beziehung zu viert droht auseinanderzubrechen. Und dann fährt auch noch ihr Therapeut in Urlaub. Bis zu seiner Rückkehr soll Nora ihre Tage in einem Tagebuch dokumentieren. Also berichtet sie, wie sie sich mit Karl, Leonie, Jonas und einem schweigenden Kind ans Meer flüchtet, um das Verschworene zwischen ihnen zu retten. Doch statt hoffnungsvoller Zukunft drängt sich immer mehr Noras Vergangenheit in den Vordergrund. Es muss doch etwas geben, denken die vier, das sie wieder zusammenzuschweißen vermag, ein großes Fest etwa. Oder ein Mord.
„Wir kommen“ ist ein radikales Buch, rasend komisch in seiner Verzweiflung und poetisch in seiner Grausamkeit.

(Offizieller Verlagstext/Klappentext)


Buchkritik

Ich habe dieses Buch bereits vor Monaten ausgelesen. Und diese Rezension habe ich ebenfalls bereits vor Monaten begonnen, dann aber nicht weitergeführt. Teils aus Zeitmangel, teils weil mir im ersten Anlauf die Buchbesprechung nicht besonders leicht fiel. Ich wusste auf Anhieb nicht allzu viel zu dem Buch zu sagen.

Wiedervorlage

Nun sind etliche Monate ins Land gezogen, und ich habe noch immer nicht allzu viel zu dem Buch zu sagen, eigentlich noch viel weniger. Aber gerade das erleichtert mir jetzt die Einschätzung. Es ist nicht besonders viel hängen geblieben von der Lektüre. Da war etwas mit einer verstorbenen merkwürdigen Freundin, mit einer Viererbeziehung, mit einer Schildkröte und einem Aufenthalt am Meer. Wenn ich mir den offiziellen Verlagstext oben durchlese, stimmt das wohl so. Die Panikattacken, von denen dort auch die Rede ist, sind mir nicht sonderlich im Gedächtnis geblieben. Wahrscheinlich liegt das daran, dass davon zwar die Rede war, aber es wurde nicht eindringlich dargestellt. Und auch, dass die Protagonistin von ihrem Therapeuten die Aufgabe gestellt bekommen hatte, ihre Erlebnisse in einem Tagebuch zu protokollieren, war mir nicht besonders präsent – übrigens auch während der Lektüre schon nicht. Ich erinnere mich, dass ich zwischendurch an einer Stelle stockte und mich wunderte, dass die Protagonistin etwas schrieb und dass das angeblich ihre regelmäßige Tätigkeit sei. Ich hatte vorher nichts davon mitbekommen. Aber sie arbeitet wohl auf diese Weise ihre Vergangenheit auf, während sie sich mit der Gegenwart beschäftigt. Oder so.

Maja

Irgendwas war da mit der nun verstorbenen Freundin aus Kindheitstagen, dieser Maja. Die war krass drauf, hat die anderen Kinder im Griff gehabt, war überreif und übersexualisiert und vermutlich das Opfer familiärer Gewalt, wahrscheinlich auch sexuellen Missbrauchs. Wie stark die Andeutungen dahingehend waren, weiß ich nicht mehr. Diese Maja hat in Kindheitstagen vermutlich einen Mitschüler umgebracht. Die Protagonistin und die anderen Teilnehmer ihres Beziehungsquartetts hatten dabei nicht mitmachen wollen, tragen diese Vermutung an der Grenze zum sicheren Wissen nun aber in jungem Erwachsenenalter als kollektives Geheimnis mit sich herum.

Die Fahrt ans Meer

Und dann ist da diese Fahrt ans Meer zu viert plus Kind und Schildkröte, und ich weiß noch, dass die vier früher öfter zu diesem Haus am Meer gefahren sind und es schöner war, es jetzt aber alles nicht mehr funktionierte. Warum sich alles zum Negativen geändert hat, ist mir nicht ganz klar geworden. Durch die Nachricht von Majas Tod? Oder einfach der Zahn der Zeit? Keine Ahnung. Und ja, dieses Fest, von dem in dem offiziellen Klappentext die Rede ist, gab es auch, und ich erinnere mich, dass ich die Darstellung ganz interessant fand und dachte: Ja, so ist es wohl auf diesen Zusammenkünften der jungen, sogenannten Kreativen und vermeintlich Erfolgreichen, die im weitesten Sinne meist irgendwas mit Medien zu tun haben. Aber sonst? Die Schildkröte war irgendwann tot. Das arme Tier. Es war ein Sinnbild für irgendwas, weil die Protagonistin lange Zeit den Tod des Tieres gar nicht bemerkt hatte. Das war ein ganz gelungenes Bild. Wofür weiß ich nicht. Für die Viererbeziehung? Oder eine ferne Anspielung auf Huysmans´ „A rebours“? Immerhin hat die Autorin des Buches am Literaturinstitut Leipzig studiert.

Fazit

Ich weiß noch, dass ich das Buch kurzweilig fand und ganz gerne gelesen habe. Das lag daran, dass die Autorin einen Schreibstil hat, der mir ganz gut gefällt. Inhaltlich interessant fand ich die Idee dieser Viererkonstellation (Stichwort ´Polyamorie´) und die Darstellung des Festes am Meer. Die Handlung aber ist etwas dünn, Umsetzung und Darstellung sind nicht immer gelungen bzw. ausgereift, die Dramaturgie wirkt brüchig.

Die Autorin des Buches ist jung, schön, hat eine auffallend dicke Schmoll-Unterlippe und pflegt einen aparten Kleidungsstil. Ronja von Rönne ist eine furchtbar adrette und medienwirksame Erscheinung. Ist das Buch aber so originär und außergewöhnlich, dass es einen Hype um die Autorin als neue Stimme einer Generation etc. rechtfertigen könnte? – Nein. Ist es gut und interessant geschrieben? – Ja. Nett. Kann man ganz gut lesen.


 

Das Buch:

Ronja von Rönne: Wir kommen. Roman (Aufbau Verlag 2016).

208 Seiten, 18,95 €, ISBN 978-3-351-03632-4


Die Autorin:

Mehr von und über Ronja von Rönne gibt es auf ihrem Blog Sudelheft

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