Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht. Roman

Der zwölfjährige Gustave bricht zu einer wahrlich fantastischen Reise auf: Er fliegt über den Mond hinweg, kämpft gegen Riesen und befreit eine Jungfrau aus moers_wilde reise durch die nachtden Klauen eines Drachen. Er trifft auf höchst sonderbare Kreaturen und schaut sogar dem Tod bei der Arbeit zu. In einer einzigen Nacht muß Gustave von der Erde zum Mond, einmal quer durch das Universum und wieder zurück reisen. Denn er hat eine Wette abgeschlossen, bei der sein Leben und seine Seele auf dem Spiel stehen…

(Offizieller Verlagstext/Klappentext)


Buchkritik:

Aus drei Gründen hatte ich mir dieses Buch gekauft.

Der erste Kaufgrund

Erstens bin ich ein großer Bewunderer der Kunst des Illustrators Gustave Doré (1832-1883), dessen Zeichnungen die Grundlage der von Walter Moers erzählten phantastischen Geschichte sind. An 21 Xylographien (Holzschnitte) von Gustave Doré, entnommen verschiedener von ihm illustrierter Werke (The Rime of the Ancient Mariner von Samuel Taylor Coleridge, Orlando Furioso von Lodovico Ariosto, The Raven von Edgar Allan Poe, Don Quixote de la Mancha von Miguel de Cervantes Saavedra, Legend of Croquemitaine von Ernest l´Épine, Gargantua und Pantagruel von François Rabelais, Paradise Lost von John Milton und Die Bibel von Gott et al), entlang entspinnt sich die von Moers erzählte Geschichte. Die Bilder bestimmen das Setting und die Figuren, geben der Handlung ihren Spielraum.

Der zweite Kaufgrund

Der zweite Grund ist der, dass ich vor einigen Jahren „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Moers gelesen hatte, das mich total überraschte. Zuvor waren mir von dem Autor nur „Das kleine Arschloch“ und „Käpt´n Blaubär“ geläufig, womit ich mich aber nicht eingehender beschäftigt hatte. Diese Dinge machten auf mich nicht den Eindruck, als könnten sie mir gefallen bzw. etwas für mich sein. Besagtes Buch „Die Stadt der träumenden Bücher“ nahm ich aber dennoch zur Hand und gab der Lektüre eine Chance, schlichtweg weil mich das von Moers selbst gezeichnete Cover sehr angesprochen hatte. Und was soll ich sagen? Das Buch war toll. Mehr dazu an anderer Stelle. Jedenfalls, nach dieser sehr positiven Leseerfahrung hatte ich meine Einstellung gegenüber Walter Moers komplett geändert, traute ihm jetzt einiges zu und wollte gerne noch mehr von ihm lesen.

Der dritte Kaufgrund

Der dritte, aus den beiden ersten resultierende Grund ist, dass ich hinter dieser Kombination Doré und Moers ein mögliches literarisches Kunstwerk vermutete, das auf der ganzen Linie überzeugen könnte. Die Grundidee, eine Geschichte anhand der Illustrationen des französischen Malers zu entwickeln, gefiel mir sehr. Das Buchcover in Verbindung mit dem poetischen Titel weckten große Erwartungen, und auch der Klappentext klang vielversprechend.

Leider nicht

Man hat es längst geahnt: Das Buch hat meine großen Erwartungen nicht ganz erfüllen können. Es ist zwar ein schönes Buch, aber in gewisser Weise nicht schön genug. Zweifellos beweist Walter Moers auch hier, dass er ein begabter und phantasievoller Autor ist, aber meiner Meinung nach wird sein Text den Illustrationen Gustave Dorés nicht gerecht.

Warum es nicht hundertprozentig funktioniert

Die Bilder von Doré geben nicht nur bis zu einem gewissen Grad ein Sujet vor, sondern auch eine Stimmung. Es wäre aus meiner Sicht die bessere Entscheidung gewesen, diese Stimmung aufzugreifen und textlich zu verdichten, anstatt sie durch einen locker-launigen Erzählton zu konterkarieren. Dieses Stilmittel gibt es zwar, und manchmal funktioniert es auch sehr gut. Und ich verstehe auch, was Moers wohl im Sinn gehabt haben mag hinsichtlich der Wirkung. Manchmal wird durch Konterkarieren der Ernsthaftigkeit eines Themas gewissermaßen noch eine weitere Ebene hinzugefügt, die im Ganzen zu noch mehr Tiefe verhilft. Doch im vorliegenden Fall wirkt es anders. Text und Bilder korrespondieren zwar inhaltlich miteinander, aber stilistisch passt es nicht.

Ja, sowohl Text als auch Illustrationen weisen phantastische und skurrile Elemente auf. Aber während die Holzschnitte des französischen Künstlers düster und ernst, mitunter melancholisch wirken, wird eine solche Wirkung durch den zuweilen klamaukhaften Humor in Moers´ Text verhindert. Zwar werden in der Geschichte ernste Themen (wie Tod und Sterben, Liebe und Leben, Sinn und Unsinn der Existenz, etc.) ansatzweise philosophisch angesprochen, und es werden auch einige kluge Sachen gesagt. Aber der mehr oder weniger typische Moers-Humor, der mir eigentlich sehr sympathisch ist, kommt mir in Kombination mit den Meisterwerken Dorés deplatziert vor.

Was ich mir gewünscht hätte

Ich glaube, was ich mir gewünscht hätte, wäre abermals eine Überraschung gewesen, sozusagen einen Walter Moers, noch einmal eine literarische Stufe höher angesiedelt, als ich ihn in der „Stadt der träumenden Bücher“ kennenlernen durfte. Oder vielleicht, ohne es qualitativ zu werten, eine andere, ernsthaftere Facette des Autors. Ich hatte auf ein wirklich poetisches Buch gehofft und es diesem Autor auch durchaus zugetraut. Dass Moers grundsätzlich ein Gefühl für poetische Bilder hat, beweist er auch in diesem Buch.

Es gibt zum Beispiel, ziemlich am Ende des Buches, diese Passage, die großes poetisches Potential hat. Die Zeit, als personifiziertes Schwein mit Flügeln, hat den jungen Gustave, nachdem er beinahe die komplette wilde Reise hinter sich hat, auf einer Gasblase im Universum ausgesetzt, von der es kein Entkommen gibt:

„Aber ich werde hier verhungern“, rief Gustave. „Ich werde sterben, wenn du mich hier zurückläßt!“

„Ja – aber das macht nichts!“ behauptete das Schwein mit erhobener Klaue. „Deine Bestandteile werden sich in dem Gas auflösen und den Ursprung neuen Lebens bilden. So ist übrigens auch dein eigenes Sonnensystem entstanden: Ich habe einem kleinen Jungen von einem Planeten aus dem Andromedanebel die Waben gezeigt, ihm einen Vortrag über das Leben und das Universum gehalten und ihn danach auf einer Gasblase abgesetzt. Daraus ist immerhin die Erde mit all ihren Menschen und Tieren entstanden. Letztendlich auch du! Der Kreislauf des Lebens! So entstehen bewohnte Sonnensysteme nun mal: Man stellt kleine Jungs auf Gasblasen. Das größte Wunder des Weltalls! Kleine Ursache, große Wirkung.“

Es ist ein schönes Bild, dass auf diese Weise Sonnensysteme entstehen. (Noch schöner wäre es freilich noch, wenn dieses Prinzip mit Jungen und Mädchen gleichermaßen funktionierte.) Aber auch hier wird das poetische Potential aufgrund des lockeren Plaudertons nicht ganz ausgeschöpft.

Fazit

Die einzelnen Episoden der wilden Reise durch die Nacht warten mit interessanten Einfällen und teils überraschenden Begegnungen auf. Wie gesagt, an Phantasie mangelt es Moers sicher nicht. Allein, der gewählte Stil scheint mir dem Projekt nicht ganz angemessen. Meiner Meinung nach verspielt der Autor hier die Chance, ein wirklich großartiges Buch zu schaffen. Durch den Überhang des gewollt Lustigen verfehlt es eine mögliche Tiefenwirkung. Man liest es, fühlt sich gut unterhalten und findet so manches Schöne darin. Aber unter dem Strich bleibt nach der Lektüre nicht viel, was im Gedächtnis bleibt, weil durch den launigen Erzählstil von Moers alles etwas beliebig wird und die wirklichen Tiefen, die sich in Dorés Illustrationen offenbaren, nicht in Gänze ausgelotet werden.


Das Buch

Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht. Roman (Goldmann 2003).

224 Seiten, 9,00 €, ISBN: 978-3-442-45291-0


Der Autor

Mehr zum und vom Autor Walter Moers gibt es auf der sehr schön gestalteten Seite  www.zamonien.de

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